Die bisher skizzierten kognitiven Fehler (in Denkdefekte und Phänomen Placebo ) sind häufig, sie sind besonders schwer zu bemerken, und sie sind kaum zu korrigieren. Die in den Kommentaren angesprochenen positiven Wirkungen sind zweifellos vorhanden, ich werde jedoch im heutigen Blog zeigen, dass viele Auswirkungen doch meist negativer Natur sind.

Das zeigt sich vor allem in der Wissenschaft, die ja gerade als Ideal Neutralität, Unabhängigkeit der Ergebnisse von der Person und intersubjektive Überprüfung anstrebt, um nur einige zu nennen. Wenn es aber so ist, dass kognitive Fehler systematisch vorkommen, dann sind diese Ideale nur schwer zu erfüllen – und zwar ganz prinzipiell. Dass und wie kognitive Stärken und Schwächen Einfluss auf die wissenschaftliche Tätigkeit nehmen, ist in der Wissenschaftstheorie ein bislang vernachlässigtes Gebiet. Historische oder soziale Einflussfaktoren sind weitaus besser untersucht, müssen aber meines Erachtens durch die kognitive Dimension ergänzt werden.

Zur Demonstration dieser These nehme ich als Fallbeispiel der Kürze wegen den Rahmeneffekt in der Medizin (Achtung, kurz ein wenig Eigenwerbung: Wer sich für weitere Fallstudien interessiert, sei auf meine Dissertation “ Der blinde Fleck “ oder auf deren populäre Version “ Fallstricke “ bei Beck verwiesen. Letztere ist natürlich bei weitem günstiger zu bekommen).

Dieser schon etwas betagte Effekt (die klassische Untersuchung stammt von Tversky und Kahneman 1981, Science 211, S. 453) besagt, dass die Formulierung (der Rahmen) bei logisch äquivalenten Entscheidungsaufgaben eine wichtige Rolle spielt. Menschen neigen bei Gewinnformulierungen zu Sicherheit, bei Verlustformulierungen zu Risiko. Dieser Effekt beschreibt zunächst nur das Verhalten bei Gewinn/Verlust-Formulierungen, betrifft damit aber alle Risikoabwägungen, beispielsweise in der Medizin.

McNeil et al. 1982 (NEJM, 306, S. 1259) untersucht 238 Patienten, 491 graduierte Studenten und 424 Radiologen. Zwei Behandlungsmethoden für Lungenkrebs (Operation und Bestrahlung) werden vorgestellt. Eine Versuchsperson erhält jeweils nur entweder die positive („90% überleben“) oder die negative Formulierung („10% sterben), sowie die anschließende Lebenserwartung. Beide Therapien werden in beiden Formulierungen präsentiert. Durch Variation und Kontrollen ergeben sich 24 Gruppen, die durchgehend einen großen Rahmeneffekt zeigen. Das verblüffende Ergebnis:

„On the average, radiation therapy was preferred to surgery 42 per cent of the time in the mortality frame and 25 per cent of the time in the survival frame.”
(McNeil et al. 1982, S. 1261)

Oder mit anderen Worten und generalisiert: Je nachdem, wer was in welcher Formulierung eurem Arzt über Therapien und Medikamente erzählt, hat entscheidende Auswirkungen darauf, was er oder sie euch verschreibt oder empfiehlt – teilweise unabhängig davon, was de facto der Fall ist.
De facto hieße, dass der behandelnde Arzt die Originalstudien kennt und verglichen hat – und nur auf Grund dieser Zahlen therapiert. Dies ist leider nicht der Fall. Zwar macht in letzter Zeit die so genannte „evidenzbasierte Medizin“ von sich Furore, ist aber längst kein Standard. Obwohl sie das natürlich sein müsste, denn die menschliche Fehlbarkeit mit all ihren Denkdefekten läßt einen solchen Ansatz noch wichtiger erscheinen.